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Jörn Walter Veröffentlicht 6 Min. Lesezeit Windows Server 2025
Der Windows Papst · Active Directory · 18.10.2026

USN-Rollback auf Domain Controllern erkennen und beheben

Montagmorgen, 8 Uhr: Ein Kennwort wurde zurückgesetzt, die Anmeldung scheitert trotzdem. Der neue Kollege existiert nur auf einem DC. Und repadmin meldet keinen einzigen Fehler. Willkommen beim USN-Rollback – einem der leisesten Notfälle im Active Directory.

Was passiert bei einem USN-Rollback?

Jeder Domain Controller nummeriert seine eigenen Änderungen fortlaufend mit einer Update Sequence Number (USN). Seine Datenbank trägt außerdem eine eindeutige Kennung, die Invocation ID. Die Replikationspartner merken sich für jeden DC, bis zu welcher USN sie bereits alles erhalten haben.

Wird ein DC am Active Directory vorbei in die Vergangenheit zurückgesetzt, behält er seine alte Invocation ID und vergibt USNs, die seine Partner längst kennen. Die Partner halten jede neue Änderung für „schon erhalten“ und fordern sie gar nicht erst an. Es gibt keinen Abbruch und keine Fehlermeldung. Das Verzeichnis driftet still auseinander.

Symptom Ursache
Anmeldung scheitert trotz neuem Kennwort Kennwortänderung erreicht die Partner nie
Benutzer, Computer oder Gruppen fehlen auf einzelnen DCs Neue Objekte replizieren nicht
Gruppenmitgliedschaften unterscheiden sich je DC Änderungen an Mitgliedschaften gehen verloren
DNS-Einträge fehlen in AD-integrierten Zonen DNS-Registrierungen sind ebenfalls AD-Objekte
Doppelte SIDs RIDs werden ein zweites Mal vergeben

Typische Auslöser

  • Ein älterer VM-Snapshot oder Prüfpunkt wird gestartet
  • Eine LUN wird per SAN- oder Storage-Snapshot zurückgesetzt
  • Ein Image oder eine kopierte VHDX/VMDK wird eingespielt
  • Eine Sicherungssoftware ohne AD-Unterstützung stellt die ganze VM wieder her
Schützt die VM-Generation-ID nicht davor? Seit Windows Server 2012 setzt ein virtueller DC seine Invocation ID zurück und verwirft seinen RID-Pool, wenn sich die VM-Generation-ID ändert. Das funktioniert aber nur, wenn der Hypervisor sie liefert und der Rollback über den Hypervisor läuft. Ein Rücksetzen auf Storage-Ebene rutscht durch.
Get-ADComputer DC1 -Properties msDS-GenerationId |
  Select-Object Name, msDS-GenerationId

Ist das Attribut leer, liefert der Hypervisor keine VM-Generation-ID. Snapshots dieses DCs sind dann tabu.

Diagnose: Welcher DC ist zurückgerollt?

Bevor irgendetwas geändert wird, muss klar sein, welcher DC betroffen ist und welche Änderungen nur dort existieren. Drei Nachweise kommen infrage.

1. Ereignisse im Protokoll „Directory Service“

Ereignis 2095 meldet, dass ein Partner bereits bestätigte USNs erneut erhalten hat. Ereignis 2103 meldet eine nicht unterstützte Wiederherstellung. 1113 und 1115 zeigen deaktivierte Replikation.

Get-WinEvent -FilterHashtable @{LogName='Directory Service'; Id=2095,2103,1113,1115} |
  Select-Object TimeCreated, Id, MachineName, Message | Format-List

2. Quarantäne in der Registry

Erkennt der DC den Rollback, stellt er sich selbst unter Quarantäne: Netlogon wird pausiert, die Replikation abgeschaltet und „Dsa Not Writable“ auf 4 gesetzt.

Get-ItemProperty 'HKLM:\SYSTEM\CurrentControlSet\Services\NTDS\Parameters' -Name 'Dsa Not Writable' -ErrorAction SilentlyContinue
Get-Service Netlogon

3. USN-Vergleich

Der sicherste Nachweis, auch wenn die Ereignisse längst überschrieben sind: Kennen die Partner für einen DC eine höhere USN als dieser DC selbst, ist er zurückgerollt.

(Get-ADRootDSE -Server DC1).highestCommittedUSN
repadmin /showutdvec DC2 "DC=contoso,DC=com"

Steht im Vektor von DC2 für DC1 eine höhere USN als highestCommittedUSN auf DC1, und meldet repadmin /showrepl trotzdem keine Fehler, liegt ein USN-Rollback vor.

Beheben: zwei saubere Wege

Zuerst den betroffenen DC isolieren, die FSMO-Rollen mit netdom query fsmo ermitteln und alle Objekte exportieren, die seit dem Rollback-Zeitpunkt auf diesem DC geändert wurden. Diese Liste braucht man später zum Nachziehen.

$seit = Get-Date '2026-10-12 06:00'
Get-ADObject -Server DC1 -Filter {whenChanged -ge $seit} -Properties whenChanged, objectClass |
  Select-Object Name, objectClass, whenChanged, DistinguishedName |
  Export-Csv C:\ISW\usn-dc1-aenderungen.csv -NoTypeInformation -Encoding UTF8

Methode A – Systemstatus-Sicherung wiederherstellen

Geeignet, wenn eine echte Systemstatus-Sicherung desselben DCs existiert, die vor dem fehlerhaften Rollback entstand. Die Wiederherstellung im DSRM setzt die Invocation ID korrekt zurück, anschließend holt der DC alle fehlenden Änderungen von seinen Partnern.

bcdedit /set safeboot dsrepair
shutdown /r /t 0
# im DSRM:
wbadmin get versions
wbadmin start systemstaterecovery -version:10/11/2026-22:00
bcdedit /deletevalue safeboot

Methode B – herabstufen und neu heraufstufen

Fast immer der bessere Weg, solange ein weiterer gesunder DC läuft: Der zurückgerollte DC fliegt aus dem Verzeichnis und wird frisch aufgebaut.

  1. Auf dem betroffenen DC erzwungen herabstufen und herunterfahren.
  2. Auf einem gesunden DC die Metadaten bereinigen, inklusive DNS-Einträgen und Serverobjekt in „Standorte und Dienste“.
  3. FSMO-Rollen des alten DCs auf einen gesunden DC übernehmen.
  4. Den Server neu als DC installieren und die Replikation prüfen.
# 1. auf DC1
Uninstall-ADDSDomainController -ForceRemoval -DemoteOperationMasterRole `
  -LocalAdministratorPassword (Read-Host 'Lokales Admin-Kennwort' -AsSecureString)

# 2. auf DC2
ntdsutil "metadata cleanup" "remove selected server CN=DC1,CN=Servers,CN=Default-First-Site-Name,CN=Sites,CN=Configuration,DC=contoso,DC=com" q q

# 3. auf DC2
Move-ADDirectoryServerOperationMasterRole -Identity DC2 `
  -OperationMasterRole PDCEmulator, RIDMaster, InfrastructureMaster -Force

# 4. auf DC1 nach Neustart
Install-ADDSDomainController -DomainName contoso.com -InstallDns -Credential (Get-Credential)
repadmin /replsummary
dcdiag /v /c /e /q

Danach die Objekte aus der Exportliste nachziehen. Kennwörter lassen sich nicht übertragen: Betroffene Benutzer bekommen ein neues. Computer, deren Kennwortwechsel verloren ging, repariert man mit Test-ComputerSecureChannel -Repair.

Fallstricke

„Dsa Not Writable“ löschen ist keine Reparatur. In Foren steht oft: Wert entfernen, Netlogon fortsetzen, Replikation einschalten – fertig. Der DC repliziert dann tatsächlich wieder. Er bleibt aber dauerhaft inkonsistent und befindet sich laut Microsoft in einem nicht unterstützten Zustand. Ab jetzt verteilt er die Inkonsistenz aktiv. Der Wert ist die Notbremse, nicht der Fehler.

Doppelte SIDs. Ein zurückgerollter DC kennt die RIDs nicht mehr, die er nach dem Snapshot bereits vergeben hat. Hält er den RID-Master, kann er sogar ganze RID-Pools doppelt zuteilen. Nach jeder Bereinigung prüfen:

ntdsutil "security account management" "connect to server DC2" "check duplicate SID" q q
Rollen erzwungen übernommen? Dann darf der alte DC nie wieder mit seiner alten Datenbank ans Netz – auch nicht „nur kurz zum Nachsehen“.

Vorbeugen und Compliance

  • Täglich eine echte Systemstatus-Sicherung je DC und die Wiederherstellung regelmäßig üben
  • Prüfpunkte und Snapshots für DCs deaktivieren, LUNs mit NTDS.dit nie auf Storage-Ebene zurücksetzen
  • msDS-GenerationId auf allen virtuellen DCs prüfen
  • Ereignisse 2095, 2103, 1113, 1115 und den Wert „Dsa Not Writable“ zentral überwachen
  • Den Notfallablauf schriftlich festhalten

Das zahlt direkt auf die Anforderungen ein: BSI IT-Grundschutz APP.2.2 (Active Directory Domain Services), CON.3 (Datensicherungskonzept) und DER.4 (Notfallmanagement) sowie NIS2 Art. 21 Abs. 2 lit. c mit Backup-Management, Wiederherstellung und Aufrechterhaltung des Betriebs.

Fazit

Ein Snapshot ist kein Backup – erst recht nicht bei einem Domain Controller. Wer den Rollback nur entsperrt, hat ihn verteilt. Mit sauberer Diagnose und einem zweiten gesunden DC ist das Problem in 60 bis 120 Minuten pro DC erledigt.

Das komplette Notfallhandbuch: Alle Schritte mit Checkliste, Metadatenbereinigung, FSMO-Übernahme, Prüfung auf doppelte SIDs und Vorbeugung gibt es im ISW-Handbuch „USN-Rollback“ als Word-Dokument. Handbuch herunterladen
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Jörn Walter

Inhaber von IT-Service Walter in Euskirchen, betreut Windows-Umgebungen von Unternehmen und entwickelt die ISW-ADTools.

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