Stellar Data Recovery Professional im Praxistest – wenn der Papierkorb schon leer ist

Stellar Data Recovery Professional im Praxistest – wenn der Papierkorb schon leer ist

Datenrettung ist eines dieser Themen, mit denen man sich erst beschäftigt, wenn es schon zu spät ist. Ich habe mir Stellar Data Recovery Professional in Ruhe angesehen – und bin ehrlich gesagt positiv überrascht.

Wer wie ich seit vielen Jahren Kundenumgebungen betreut, kennt den Anruf: „Ich habe den Ordner gelöscht, der Papierkorb ist leer, das Backup ist von letzter Woche – kannst du da noch was machen?“ Meistens folgt dann die unangenehme Frage, was seit dem Löschen alles auf dem Laufwerk passiert ist. Und je nach Antwort entscheidet sich, ob man überhaupt noch etwas retten kann.

Für solche Fälle hatte ich bisher ein Sammelsurium an Werkzeugen im Koffer – manches davon kostenlos, manches zusammengesucht, manches mit einer Oberfläche aus dem letzten Jahrzehnt. Deshalb wollte ich wissen, ob ein kommerzielles Tool wie Stellar Data Recovery Professional das Thema sauber abdeckt. Kurz vorweg: Ja, tut es. Und zwar deutlich besser, als ich erwartet hatte.

Was das Tool eigentlich kann

Stellar Data Recovery gibt es schon lange, früher hieß es Stellar Phoenix. Die Professional-Version für Windows ist die Ausbaustufe für Leute, die mehr brauchen als „gelöschte Datei zurückholen“. Die Liste der Szenarien ist lang, aber die relevanten Punkte aus meiner Sicht sind:

  • Wiederherstellung gelöschter Dateien und Ordner, auch wenn der Papierkorb längst geleert wurde
  • Rettung von formatierten Partitionen und Laufwerken, die Windows nur noch als RAW anzeigt
  • Suche nach verlorenen oder gelöschten Partitionen
  • Zugriff auf BitLocker-verschlüsselte Datenträger (mit Kennwort bzw. Wiederherstellungsschlüssel, versteht sich)
  • Erstellen eines kompletten Datenträger-Images und Wiederherstellung direkt aus dem Image
  • Bootfähiges Rettungsmedium für Systeme, die gar nicht mehr hochkommen
  • Unterstützung für NTFS, FAT, exFAT sowie ext- und HFS-Dateisysteme

Gerade die beiden letzten Punkte – Image und Boot-Medium – sind für mich das eigentliche Argument für die Professional-Version gegenüber der kleineren Ausgabe. Dazu gleich mehr.

Der erste Eindruck

Die Installation ist unspektakulär, und das ist gut so. Nach dem Start fragt das Tool zuerst, welche Art von Daten man sucht – alles, nur Dokumente, nur Fotos, E-Mails und so weiter. Dann wählt man das Laufwerk oder den Speicherort, und schon läuft der Scan. Man muss sich nicht durch Menüs kämpfen, es gibt keine versteckten Schalter, die man erst kennen muss. Wer sich einmal gemerkt hat, dass der Tiefenscan („Deep Scan“) der ist, den man bei ernsten Fällen braucht, kommt mit dem Programm sofort klar.

Was mir gefallen hat: Der Scan lässt sich anhalten und später fortsetzen. Bei einer 4-TB-Platte kann ein Tiefenscan schon einmal Stunden dauern. Wenn dann zwischendurch etwas anderes ansteht, muss man nicht wieder bei null anfangen. Man kann den Scan-Stand sogar speichern und auf einem anderen Rechner weitermachen.

Mein Test: erst löschen, dann formatieren, dann hoffen

Ich habe es mir nicht leicht gemacht. Auf einer separaten SSD lag ein Mix aus Office-Dokumenten, PDFs, ein paar Hundert Fotos und einigen ZIP-Archiven. Erst habe ich einen Teil davon ganz normal gelöscht und den Papierkorb geleert. Anschließend habe ich die Partition kurzerhand schnellformatiert.

Der Schnellscan nach dem Löschen hatte die Dateien innerhalb weniger Minuten vollständig zurück – mit Ordnerstruktur und Originalnamen. Nach der Formatierung war natürlich der Tiefenscan gefragt. Der dauerte spürbar länger, aber das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Der allergrößte Teil der Dateien war wieder da und ließ sich fehlerfrei öffnen. Bei ein paar Dateien fehlten die Originalnamen, sie tauchten unter einer laufenden Nummer im Bereich für die „Raw“-Wiederherstellung auf. Das ist bei einer Formatierung normal und kein Punktabzug – die Inhalte waren intakt.

Sehr hilfreich ist die Vorschau. Bevor man irgendetwas wiederherstellt, kann man Dokumente und Bilder direkt in der Oberfläche ansehen und so entscheiden, ob es sich überhaupt lohnt. Das spart Zeit und vor allem Platz auf dem Ziellaufwerk, denn bei einem Tiefenscan kommt schnell eine große Datenmenge zusammen.

Wichtig, und das gilt für jedes Datenrettungstool: Niemals auf das Laufwerk zurückschreiben, von dem man gerade Daten rettet. Jede Schreiboperation kann genau die Sektoren überschreiben, die man noch braucht. Stellar wehrt sich hier zum Glück von selbst und lässt das betroffene Laufwerk als Ziel gar nicht erst zu.

Warum das Disk-Image der eigentliche Star ist

Wer öfter mit angeschlagenen Festplatten zu tun hat, weiß: Jeder Zugriff auf einen sterbenden Datenträger kann der letzte sein. Deshalb sollte man eine Platte, die schon klackert oder ständig Lesefehler produziert, nicht stundenlang scannen, sondern so schnell wie möglich ein vollständiges Abbild ziehen. Genau das kann die Professional-Version. Man erstellt ein Image des Laufwerks, legt die Originalplatte beiseite und arbeitet ab dann nur noch mit dem Image.

Das ist kein Nice-to-have, das ist in der Praxis der Unterschied zwischen „Daten gerettet“ und „Platte endgültig hinüber“. Dass diese Funktion in einem Tool dieser Preisklasse enthalten ist, finde ich bemerkenswert.

Ergänzend zeigt das Tool den SMART-Status des Laufwerks an – Temperatur, Gesundheit, Performance. Kein Ersatz für ein richtiges Monitoring, aber ein schneller Blick, ob man es überhaupt noch mit einem intakten Datenträger zu tun hat.

Das Boot-Medium – für den Fall, dass gar nichts mehr geht

Der zweite Punkt, der die Professional-Version rechtfertigt: das bootfähige Rettungsmedium. Wenn Windows nicht mehr startet, weil die Systempartition beschädigt ist oder ein Update schiefgelaufen ist, startet man den Rechner einfach vom USB-Stick und hat die komplette Wiederherstellungsumgebung direkt vor sich. Die Daten landen dann auf einer externen Platte, und erst danach kümmert man sich um das eigentliche Problem mit dem System. Für mich als Dienstleister ist das ein realistisches Szenario, das öfter vorkommt, als man denkt.

Was mir weniger gefällt

Ein Test, der nur lobt, ist keiner. Deshalb auch die Punkte, über die ich gestolpert bin:

  • Der Tiefenscan braucht Geduld. Das liegt in der Natur der Sache, aber bei großen Datenträgern sollte man den Scan über Nacht laufen lassen.
  • Die kostenlose Testversion zeigt zwar alle gefundenen Dateien an, stellt aber nur eine sehr begrenzte Datenmenge wieder her. Man sieht also, was möglich wäre, muss für die eigentliche Rettung aber zur Vollversion greifen. Fair, aber man sollte es vorher wissen.
  • Bei stark fragmentierten, großen Dateien nach einer Formatierung ist keine Software ein Zauberstab. Einzelne Archive waren nach dem Tiefenscan nicht mehr brauchbar. Das ist keine Schwäche von Stellar, sondern Physik.
  • Das Lizenzmodell ist etwas kleinteilig. Es gibt Jahres- und Lebenszeitlizenzen und daneben noch weitere Ausbaustufen (Premium, Technician) mit Foto-/Videoreparatur beziehungsweise RAID-Unterstützung. Wer nur gelegentlich Daten rettet, ist mit der Professional-Version gut bedient; wer RAID-Verbünde retten will, muss höher greifen.

Preis und Einordnung

Die Jahreslizenz der Professional-Version liegt aktuell knapp über 100 Euro, regelmäßig gibt es Aktionen darunter. Für Privatanwender, die einmal im Leben eine Festplatte vor dem Aus retten wollen, ist das eine Überlegung wert. Für alle, die beruflich mit Kundendaten hantieren, ist es aus meiner Sicht keine Frage: Eine einzige erfolgreiche Wiederherstellung hat den Preis mehrfach wieder eingespielt – von dem dankbaren Kunden ganz zu schweigen.

Mein Fazit

Stellar Data Recovery Professional ist kein Tool, das man täglich braucht. Es ist ein Tool, das man haben sollte, bevor man es braucht. Die Bedienung ist so schlicht, dass man es auch nach einem halben Jahr ohne Handbuch wieder benutzen kann. Die Trefferquote in meinem Test war sehr gut, und mit Disk-Image und Boot-Medium sind genau die beiden Funktionen an Bord, die im Ernstfall den Unterschied machen.

Das Tool ist bei mir in den Werkzeugkoffer gewandert. Und ich hoffe wie immer, dass ich es möglichst selten herausholen muss.

Und der wichtigste Satz zum Schluss: Datenrettung ersetzt kein Backup. Wer regelmäßig sichert und die Sicherung auch einmal testweise zurückspielt, braucht dieses Tool nur für den Notfall. Wer das nicht tut, braucht es garantiert irgendwann – und dann mit Herzklopfen.

Hinweis: Ich habe das Tool auf eigene Kosten getestet. Es gibt keine Kooperation mit dem Hersteller, und dieser Artikel wurde weder beauftragt noch bezahlt.