Der Angreifer ist längst drin – was dann?

Angriffspfade

Der Angreifer ist längst drin – was dann?

Rechteausweitungen sind die unscheinbarste und zugleich wichtigste Schwachstellenklasse. Der August-Patchday liefert gleich mehrere Beispiele. Und einen guten Anlass, das Tier-Modell endlich anzugehen.
29. August 2026  ·  Lesezeit ca. 10 Minuten  ·  IT-Service Walter
Active DirectoryRechteausweitungTier-ModellPAM / JIT

177 der im August geschlossenen Schwachstellen sind Rechteausweitungen – mehr als jede andere Kategorie. In Sicherheitsmeldungen tauchen sie trotzdem selten prominent auf, weil sie kein Einbruchswerkzeug sind. Sie sind das, was nach dem Einbruch passiert. Und genau dort entscheidet sich, ob aus einem infizierten Notebook ein Vorfall oder ein Totalschaden wird.

Kein Angriff beginnt mit Domänenadministrator-Rechten. Jeder erfolgreiche Angriff endet damit.

Drei Beispiele aus einem einzigen Patchday

CVEKomponenteKurzbeschreibungBesonderheit
CVE-2026-62832Windows User Profile ServiceEin Angreifer mit Zugangsdaten für ein weiteres lokales Konto lädt über eine präparierte Anwendung die Registrierungsstruktur eines anderen Benutzers.Ende der Kette bis hin zu Administratorrechten, ohne Benutzerinteraktion
Windows AFD.sysAncillary Function Driver für WinSockErneut eine Rechteausweitung im Netzwerktreiber.IN FREIER WILDBAHN AUSGENUTZT – Ausnutzung setzt das Gewinnen einer Race Condition voraus
CVE-2026-72971Container Isolation FS Filter (unionfs.sys)Tampering-Schwachstelle, vor dem Patchday öffentlich bekannt.ZERO-DAY (VERÖFFENTLICHT) – CVSS 5.5, laut Microsoft nicht ausgenutzt

Alle drei setzen voraus, dass der Angreifer bereits Code auf dem System ausführen kann. Genau das ist der Punkt, an dem viele Diskussionen abbiegen: „Dann ist er ja sowieso schon drin.“ Richtig – und trotzdem ist der Unterschied zwischen einem kompromittierten Benutzerkontext und SYSTEM-Rechten der Unterschied zwischen einem bereinigten Client und einer verschlüsselten Umgebung.

Was Rechteausweitung praktisch bedeutet

Der typische Verlauf eines Vorfalls
  1. Ein Benutzer öffnet einen Anhang oder installiert eine manipulierte Software. Der Angreifer hat Code im Kontext dieses Benutzers.
  2. Über eine LPE-Schwachstelle oder eine Fehlkonfiguration erreicht er SYSTEM auf diesem Gerät.
  3. Mit SYSTEM-Rechten liest er zwischengespeicherte Anmeldeinformationen aus – und findet dort im schlechten Fall die Sitzung eines Administrators.
  4. Mit diesen Anmeldeinformationen bewegt er sich seitlich weiter auf Server, auf denen dasselbe Konto lokaler Administrator ist.
  5. Auf einem dieser Server hat sich irgendwann ein Domänenadministrator angemeldet. Ab hier ist die Domäne verloren.

Der entscheidende Schritt in dieser Kette ist nicht Schritt 2 – den werden Sie nie vollständig verhindern, weil er von Schwachstellen abhängt, die es immer geben wird. Der entscheidende Schritt ist Schritt 3 und 4: Was findet der Angreifer im Speicher, und wo gilt dasselbe Konto noch?

Die unbequeme Bestandsaufnahme

Bevor Sie über Tier-Modelle sprechen, brauchen Sie eine Zahl: In wie vielen lokalen Administratorengruppen steckt dasselbe Konto? Das folgende Skript sammelt die Mitgliedschaften über alle aktiven Server ein und zeigt am Ende die zwanzig am häufigsten vorkommenden Konten.

PowerShell – lokale Administratoren über alle Server einsammeln
# ISW - Wer ist lokaler Administrator? (Bestandsaufnahme ueber alle Server)
[Console]::OutputEncoding = [System.Text.Encoding]::UTF8
Import-Module ActiveDirectory

$server = Get-ADComputer -Filter 'OperatingSystem -like "*Server*" -and Enabled -eq $true' `
                         -Properties OperatingSystem, LastLogonDate |
          Where-Object { $_.LastLogonDate -gt (Get-Date).AddDays(-30) }

$ergebnis = foreach ($s in $server) {
    try {
        $mitglieder = Invoke-Command -ComputerName $s.DNSHostName -ErrorAction Stop -ScriptBlock {
            Get-LocalGroupMember -Group 'Administratoren' -ErrorAction SilentlyContinue
            Get-LocalGroupMember -Group 'Administrators'  -ErrorAction SilentlyContinue
        }
        foreach ($m in ($mitglieder | Sort-Object Name -Unique)) {
            [pscustomobject]@{
                Server    = $s.Name
                OS        = $s.OperatingSystem
                Mitglied  = $m.Name
                Typ       = $m.ObjectClass
                Herkunft  = $m.PrincipalSource
            }
        }
    } catch {
        [pscustomobject]@{ Server=$s.Name; OS=$s.OperatingSystem
                           Mitglied="FEHLER: $($_.Exception.Message)"; Typ=''; Herkunft='' }
    }
}

$ergebnis | Sort-Object Server, Mitglied | Format-Table -AutoSize
$ergebnis | Group-Object Mitglied | Sort-Object Count -Descending |
    Select-Object Count, Name -First 20
Die Zahl, die wehtut
Wenn in dieser Auswertung ein persönliches Administratorkonto oder ein Dienstkonto in mehr als einer Handvoll Server auftaucht, haben Sie keine Rechteverwaltung, sondern einen Generalschlüssel. Jeder kompromittierte Server dieser Liste ist gleichbedeutend mit allen anderen.

Tier-Modell: das Prinzip in zwei Sätzen

Anmeldeinformationen dürfen nur dort verwendet werden, wo das Sicherheitsniveau mindestens so hoch ist wie das des Kontos. Ein Domänenadministrator meldet sich niemals an einem Client an, ein Serveradministrator niemals an einem Arbeitsplatzrechner – denn jede Anmeldung hinterlässt verwertbare Spuren auf dem Zielsystem.

EbeneUmfasstZulässige AnmeldeorteTypischer Fehler in der Praxis
Tier 0Domänencontroller, AD CS, ADFS, Backup-Server, Verwaltungsserver der IdentitätAusschließlich dedizierte Verwaltungssysteme (PAW)Der DA meldet sich „nur kurz“ per RDP am Fileserver an
Tier 1Anwendungs-, Datenbank-, Datei- und DruckserverTier-1-Verwaltungssysteme und die betreuten ServerServeradministratoren nutzen ihr Konto auch am eigenen Notebook
Tier 2Clients, Notebooks, Standarddienste der BenutzerArbeitsplatzrechnerEin einheitliches lokales Administratorpasswort auf allen Clients

Der schnellste Einstieg ist nicht der große Wurf, sondern die Trennung von Tier 0. Separate Administratorkonten für die Domäne, die sich ausschließlich an Domänencontrollern und einem dedizierten Verwaltungssystem anmelden dürfen, durchgesetzt über „Verweigern der Anmeldung“-Rechte in einer eigenen GPO. Das ist ein Nachmittag Arbeit und nimmt Schritt 5 der obigen Kette weitgehend die Grundlage.

Dauerhafte Adminrechte durch zeitlich begrenzte ersetzen

Der zweite Hebel: Wenn niemand dauerhaft Administrator ist, findet ein Angreifer auch keine dauerhaft privilegierte Sitzung. Just-in-Time-Rechtevergabe bedeutet, dass die Zugehörigkeit zur Administratorengruppe für ein definiertes Zeitfenster gewährt und danach automatisch entzogen wird – protokolliert und mit Begründung.

Sofort umsetzbare Maßnahmen
  • August-Updates zügig ausrollen, insbesondere auf Systemen mit vielen interaktiven Benutzern.
  • Lokale Administratorpasswörter über Windows LAPS individualisieren – ein einheitliches Passwort ist die effizienteste Seitwärtsbewegung, die es gibt.
  • Tier-0-Konten definieren und per GPO die Anmeldung an Clients und Servern verbieten.
  • Dauerhafte lokale Adminrechte in befristete Rechte überführen.
  • Anmeldungen privilegierter Konten überwachen: ein Domänenadministrator, der sich an einem Client anmeldet, ist immer eine Meldung wert.
  • Bestandsaufnahme wiederholbar machen – einmal jährlich hilft niemandem.
Passendes Werkzeug
ISW PAM JIT Manager & ISW AD Tier Model Manager
Rechte auf Zeit statt Rechte auf Dauer. Der PAM JIT Manager vergibt lokale Administratorrechte zeitlich befristet über AD-Gruppenmitgliedschaften – mit Protokollierung und automatischem Entzug. Der AD Tier Model Manager unterstützt beim Aufbau und der Kontrolle der Ebenentrennung.

Zum Produkt auf isw-adtools.de

Fazit
Rechteausweitungen sind nicht die spektakulärste Schwachstellenklasse, aber die entscheidende. Sie verhindern lässt sich nur zu einem Teil – die Wirkung begrenzen dagegen sehr wohl. Wer Tier 0 sauber trennt, lokale Administratorpasswörter individualisiert und dauerhafte Adminrechte durch befristete ersetzt, entwertet einen Großteil der 177 Rechteausweitungen dieses Patchdays, ohne eine einzige davon im Detail verstanden haben zu müssen.
Über den Autor: Joern Walter betreibt IT-Service Walter in Euskirchen, betreut rund 400 Kundendomänen und entwickelt die ISW-ADTools für Windows-Administration, Sicherheit und Compliance. Fachbeiträge erscheinen als „Der Windows Papst“.