MFA ist keine Empfehlung mehr, sondern gesetzliche Pflicht

NIS2 · § 30 BSIG

MFA ist keine Empfehlung mehr, sondern gesetzliche Pflicht

Multi-Faktor-Authentifizierung steht ausdrücklich im Katalog der Risikomanagementmaßnahmen. Was das für die Windows-Anmeldung bedeutet – und warum SMS-Codes das Thema nicht erledigen.
29. August 2026  ·  Lesezeit ca. 10 Minuten  ·  IT-Service Walter
NIS2MFAEntra IDFIDO2 / Passkeys

In den Diskussionen um NIS2 geht ein Detail unter, das für den IT-Betrieb sehr konkret ist: Multi-Faktor-Authentifizierung und gesicherte Kommunikation sind einer der zehn Maßnahmenbereiche nach § 30 BSIG. Damit ist MFA keine Frage der Sicherheitskultur mehr, sondern eine Anforderung, deren Umsetzung Sie belegen müssen.

Die Frage lautet nicht mehr „Brauchen wir MFA?“, sondern „Für welche Zugänge, mit welchem Faktor, und wie weisen wir das nach?“

Was der Gesetzestext verlangt – und was nicht

Das Gesetz nennt Multi-Faktor-Authentifizierung oder kontinuierliche Authentifizierung als Maßnahme, ohne eine konkrete Technologie vorzuschreiben. Diese Offenheit ist keine Einladung zur Minimallösung: Maßgeblich ist der Stand der Technik und die Angemessenheit gegenüber dem Risiko. Ein Verfahren, das nachweislich umgehbar ist, erfüllt diesen Maßstab nur schwer.

VerfahrenPhishing-resistentPraxisbewertung
SMS-Code (TAN)NEINAnfällig für SIM-Swapping und Echtzeit-Phishing. Besser als nichts, aber als alleiniger zweiter Faktor für privilegierte Zugänge nicht mehr angemessen.
TOTP-App (6-stelliger Code)NEINAnfällig für Adversary-in-the-Middle-Angriffe. Für Standardbenutzer akzeptabel, für Administratoren nicht.
Push-Benachrichtigung mit NummernabgleichTEILWEISEDeutlich besser als reine Push-Bestätigung, aber weiterhin kein kryptografischer Bezug zur Zieldomäne.
Windows Hello for BusinessJAGerätegebunden, kryptografisch an den Dienst gebunden. Sehr gute Standardlösung für verwaltete Geräte.
FIDO2-Sicherheitsschlüssel / PasskeyJADer Referenzstandard. Funktioniert auch bei Schichtbetrieb und geteilten Arbeitsplätzen, wo Hello unpraktisch ist.
Smartcard mit AD CSJABewährt für die interne Windows-Anmeldung, aber mit eigenem PKI-Aufwand.

Die Lücke, die fast alle haben

In den meisten Umgebungen ist MFA für Microsoft 365 aktiviert – und damit endet es. Die Anmeldung am Windows-Client, der RDP-Zugang zum Terminalserver und die VPN-Einwahl laufen weiterhin mit Benutzername und Passwort. Aus Sicht eines Angreifers ist das die interessante Seite, denn dort liegen die Daten und dort beginnt die seitliche Bewegung.

Der typische Angriffspfad trotz aktivierter Cloud-MFA
Der Angreifer erlangt Passwörter über Phishing oder eine Datenpanne, scheitert an der MFA im Tenant – und nutzt dieselben Zugangsdaten für die VPN-Einwahl oder die RDP-Anmeldung ins interne Netz. Cloud-MFA ohne Absicherung der internen Anmeldung schützt das Postfach und lässt die Domäne offen.

Wo Sie realistisch anfangen

Priorisierung nach Wirkung
  1. Alle privilegierten Konten auf phishing-resistente Verfahren umstellen. Das sind wenige Konten mit maximaler Wirkung – der schnellste Fortschritt im ganzen Projekt.
  2. Jeden Zugang von außen absichern: VPN, RDP-Gateway, Webmail, Fernwartungszugänge, Portale von Dienstleistern.
  3. Windows-Anmeldung für alle Arbeitsplätze über Windows Hello for Business, ergänzt um FIDO2-Schlüssel für gemeinsam genutzte Arbeitsplätze und Produktionsumgebungen.
  4. Dienst- und Notfallkonten gesondert regeln: Ausnahmen sind zulässig, müssen aber begründet, dokumentiert und kompensiert sein.
  5. Wirksamkeit messen: Anteil der Konten mit starkem Faktor, monatlich, als Kennzahl für die Geschäftsleitung.

Für Schritt 5 brauchen Sie keine zusätzliche Software – die Auswertung liefert Microsoft Graph. Das folgende Skript listet alle aktiven Konten ohne starke Authentifizierungsmethode auf. Genau diese Liste ist Ihr Projektfortschritt und gleichzeitig Ihr Nachweis:

PowerShell / Microsoft Graph – Konten ohne starken zweiten Faktor
# Microsoft Graph: Wer hat noch KEINE starke Authentifizierung?
# Voraussetzung: Install-Module Microsoft.Graph -Scope CurrentUser
Connect-MgGraph -Scopes "UserAuthenticationMethod.Read.All","User.Read.All","Directory.Read.All"

$stark = @('#microsoft.graph.fido2AuthenticationMethod',
           '#microsoft.graph.passwordlessMicrosoftAuthenticatorAuthenticationMethod',
           '#microsoft.graph.windowsHelloForBusinessAuthenticationMethod',
           '#microsoft.graph.microsoftAuthenticatorAuthenticationMethod',
           '#microsoft.graph.softwareOathAuthenticationMethod')

Get-MgUser -All -Property Id,UserPrincipalName,DisplayName,AccountEnabled |
  Where-Object AccountEnabled |
  ForEach-Object {
      $m = Get-MgUserAuthenticationMethod -UserId $_.Id
      $typen = $m | ForEach-Object { $_.AdditionalProperties['@odata.type'] }
      [pscustomobject]@{
          Benutzer  = $_.UserPrincipalName
          Name      = $_.DisplayName
          Methoden  = ($typen -replace '#microsoft.graph.','' -join ', ')
          MFA_stark = [bool]($typen | Where-Object { $stark -contains $_ })
      }
  } | Where-Object { -not $_.MFA_stark } | Sort-Object Benutzer
Zur Dokumentation für die Prüfung
Führen Sie die Auswertung monatlich aus und legen Sie das Ergebnis mit Datum ab. Eine Kurve, die über zwölf Monate von 40 auf 5 offene Konten fällt, ist der beste Nachweis für ein wirksames und überwachtes Vorgehen. Ein einzelner Screenshot vom Prüfungstag ist es nicht.

Der Widerstand kommt nicht aus der Technik

Technisch ist ein FIDO2-Rollout überschaubar. Der Widerstand kommt aus dem Betrieb: Was passiert, wenn jemand seinen Schlüssel vergisst? Wie melden sich Beschäftigte an einem gemeinsam genutzten Arbeitsplatz an? Wie läuft die Erstregistrierung für Personen ohne Diensthandy? Genau diese Fragen entscheiden über Erfolg oder Abbruch – deshalb gehören sie vor den Rollout, nicht danach.

Vor dem Rollout zu klärende Punkte
  • Zweiter Faktor als Rückfallebene pro Person – ein Ersatzschlüssel im Tresor ist billiger als jeder Notfallprozess.
  • Definierter Prozess für Verlust, inklusive gesicherter Identitätsprüfung am Servicedesk.
  • Umgang mit gemeinsam genutzten Arbeitsplätzen und Schichtbetrieb.
  • Registrierungsprozess für neue Beschäftigte, verzahnt mit dem On-Boarding.
  • Ausnahmenliste mit Begründung, Kompensation und Ablaufdatum.
  • Kommunikation an die Belegschaft vor der Umstellung – MFA scheitert selten an der Technik und oft an der Überraschung.
Passendes Werkzeug
ISW NIS2 Compliance Manager
Vom Maßnahmenbereich zum Nachweis. Ordnet Ihre umgesetzten Maßnahmen den zehn Bereichen des § 30 BSIG zu, dokumentiert Verantwortlichkeiten und Umsetzungsgrad und erzeugt den Bericht, den die Geschäftsleitung im Prüffall vorlegen muss.

Zum Produkt auf isw-adtools.de

Fazit
MFA ist im NIS2-Kontext keine Kür mehr. Entscheidend ist aber nicht das Häkchen im Tenant, sondern die Abdeckung: Wer alle Zugänge von außen und alle privilegierten Konten mit phishing-resistenten Verfahren absichert, hat den größten Teil des realen Risikos erledigt – und kann es mit einer monatlichen Auswertung auch belegen. Wer nur Cloud-MFA aktiviert, hat das Postfach geschützt und die Domäne offen gelassen.
Über den Autor: Joern Walter betreibt IT-Service Walter in Euskirchen, betreut rund 400 Kundendomänen und entwickelt die ISW-ADTools für Windows-Administration, Sicherheit und Compliance. Fachbeiträge erscheinen als „Der Windows Papst“.