Vom Domänenbenutzer zu SYSTEM: Kerberos-Lücke CVE-2026-62766

Patchday August 2026

Vom Domänenbenutzer zu SYSTEM: Kerberos-Lücke CVE-2026-62766

Eine Rechteausweitung in der Windows-Kerberos-Implementierung endet mit SYSTEM-Rechten. Der Patch ist das eine – die Frage, wie gesund Ihr Kerberos überhaupt ist, das andere.
29. August 2026  ·  Lesezeit ca. 9 Minuten  ·  IT-Service Walter
Active DirectoryKerberosRechteausweitungCVE-2026-62766

Zwischen 421 Schwachstellen im August-Patchday geht schnell unter, welche davon den eigenen Angriffspfad verkürzt. CVE-2026-62766 ist eine solche: eine Elevation of Privilege in Windows Kerberos, bei der ein erfolgreicher Angriff in SYSTEM-Rechten endet.

Kerberos-Lücken sind selten spektakulär beschrieben. Sie sind gefährlich, weil sie eine Stufe überspringen, die in jeder Angriffskette teuer ist: den Weg vom normalen Konto zum privilegierten Kontext.

Die Lücke im Überblick

MerkmalAusprägung
CVE-IDCVE-2026-62766
KomponenteWindows Kerberos
TypElevation of Privilege
Ergebnis bei erfolgreicher AusnutzungSYSTEM-Rechte auf dem betroffenen System
EinstufungIMPORTANT – im Kontext einer Angriffskette dennoch hoch relevant
BehebungSecurity Update aus dem Release vom 11. August 2026

Microsoft meldet für diese CVE weder eine öffentliche Vorabveröffentlichung noch eine Ausnutzung in freier Wildbahn. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Rechteausweitungen dieser Klasse tauchen erfahrungsgemäß zeitverzögert in fertigen Angriffswerkzeugen auf, weil sie den lohnendsten Baustein liefern – den Sprung in einen Kontext, aus dem heraus sich Anmeldeinformationen abgreifen lassen.

Patchen ist Pflicht. Aufräumen ist Wirkung.

Das Update installieren Sie über den normalen Weg. Interessanter ist der zweite Teil: Ein Angreifer, der SYSTEM-Rechte erreicht hat, ist nur dann in einer starken Position, wenn er dort auch etwas Verwertbares findet. Genau darüber entscheidet Ihre Kerberos-Hygiene – und die ist in den meisten gewachsenen Domänen deutlich schlechter, als die Verantwortlichen vermuten.

Die drei Dauerbrenner

BefundWarum das gefährlich istZielzustand
Dienstkonten mit SPN und altem PasswortKerberoasting: Jeder Domänenbenutzer kann ein Service-Ticket anfordern und offline knacken. Ein zehn Jahre altes Passwort mit acht Zeichen fällt in Minuten.Passwort ≥ 25 Zeichen oder gMSA, Rotation dokumentiert
RC4 weiterhin zugelassenIst msDS-SupportedEncryptionTypes nicht gesetzt, bleibt RC4-HMAC möglich – die Grundlage für effizientes Kerberoasting.AES128/AES256 erzwingen, RC4 gezielt abschalten
Unbeschränkte Delegierung auf Nicht-DCsWer ein solches System kontrolliert, kann weitergereichte TGTs abgreifen – bis hin zum Domänenadministrator.Auf ressourcenbasierte eingeschränkte Delegierung umstellen

Das folgende Skript liefert diese drei Befunde in einem Durchlauf. Es ist reines Lesen, es verändert nichts und lässt sich gefahrlos auf einem Administrations-Client mit RSAT ausführen:

PowerShell – Kerberos-Kurzaudit der Domäne
# ISW - Kerberos-Hygiene: RC4, Delegierung, krbtgt
[Console]::OutputEncoding = [System.Text.Encoding]::UTF8
Import-Module ActiveDirectory

Write-Host "`n=== 1. krbtgt-Passwortalter ===" -ForegroundColor Cyan
Get-ADUser krbtgt -Properties PasswordLastSet, msDS-KeyVersionNumber |
  Select-Object Name, PasswordLastSet,
    @{n='TageAlt';e={[int]((Get-Date) - $_.PasswordLastSet).TotalDays}},
    @{n='KVNO'; e={$_.'msDS-KeyVersionNumber'}}

Write-Host "`n=== 2. Unbeschraenkte Delegierung (ohne DCs) ===" -ForegroundColor Cyan
$dcs = (Get-ADDomainController -Filter *).ComputerObjectDN
Get-ADObject -Filter {(userAccountControl -band 524288) -and (objectClass -eq "computer" -or objectClass -eq "user")} `
             -Properties samAccountName, userAccountControl |
  Where-Object { $dcs -notcontains $_.DistinguishedName } |
  Select-Object samAccountName, objectClass, DistinguishedName

Write-Host "`n=== 3. Konten, die RC4 noch zulassen ===" -ForegroundColor Cyan
Get-ADUser -Filter {ServicePrincipalName -like "*"} `
           -Properties ServicePrincipalName, 'msDS-SupportedEncryptionTypes', PasswordLastSet |
  Select-Object SamAccountName,
    @{n='EncTypes';e={ if ($null -eq $_.'msDS-SupportedEncryptionTypes') {'NICHT GESETZT (RC4 moeglich)'}
                       else { $_.'msDS-SupportedEncryptionTypes' } }},
    @{n='PwAlterTage';e={[int]((Get-Date) - $_.PasswordLastSet).TotalDays}},
    @{n='SPNs';e={($_.ServicePrincipalName) -join '; '}} |
  Sort-Object PwAlterTage -Descending
Zum krbtgt-Alter
Ein krbtgt-Passwort, das älter als 180 Tage ist, sollte auf die Planungsliste. Die Zurücksetzung erfolgt zweimal im Abstand von mindestens zehn Stunden – zwei Resets direkt hintereinander machen sämtliche ausgestellten Tickets ungültig und legen die Domäne lahm. Planen Sie den zweiten Durchlauf bewusst und dokumentieren Sie beide Zeitpunkte.

Auffälligkeiten sichtbar machen, statt sie zu vermuten

Kerberoasting hinterlässt Spuren, die niemand auswertet: Ereignis 4769 mit dem Verschlüsselungstyp 0x17 (RC4-HMAC) für Dienstkonten, angefordert von einem Client, der mit diesem Dienst nichts zu tun hat. In einer sauber auf AES umgestellten Umgebung ist das ein sehr schmales Signal – und damit ein brauchbares.

PowerShell – RC4-Service-Tickets der letzten 24 Stunden
# Auffaellige Kerberos-Tickets aus den DC-Sicherheitsprotokollen (letzte 24 h)
# 4769 = Service-Ticket angefordert; 0x17 = RC4-HMAC
$since = (Get-Date).AddHours(-24)
foreach ($dc in (Get-ADDomainController -Filter *).HostName) {
    Get-WinEvent -ComputerName $dc -FilterHashtable @{
        LogName='Security'; Id=4769; StartTime=$since } -ErrorAction SilentlyContinue |
      ForEach-Object {
          $x = [xml]$_.ToXml()
          [pscustomobject]@{
            DC       = $dc
            Zeit     = $_.TimeCreated
            Benutzer = ($x.Event.EventData.Data | Where-Object Name -eq 'TargetUserName').'#text'
            Dienst   = ($x.Event.EventData.Data | Where-Object Name -eq 'ServiceName').'#text'
            EncType  = ($x.Event.EventData.Data | Where-Object Name -eq 'TicketEncryptionType').'#text'
            Client   = ($x.Event.EventData.Data | Where-Object Name -eq 'IpAddress').'#text'
          }
      } | Where-Object { $_.EncType -eq '0x17' -and $_.Dienst -notlike '*$' }
}
Bevor Sie RC4 hart abschalten
Prüfen Sie zuerst im Auditmodus, welche Konten und Anwendungen RC4 tatsächlich noch anfordern. Ältere Appliances, Linux-Beitritte über alte Samba-Versionen und einzelne Branchenanwendungen sind die typischen Stolpersteine. Erst messen, dann erzwingen – sonst wird aus dem Härtungsprojekt ein Ausfall am Montagmorgen.
Reihenfolge für die kommenden vier Wochen
  1. August-Updates auf allen Domänencontrollern und Servern ausrollen, DCs zuerst.
  2. Kurzaudit ausführen und die Befunde nach Aufwand und Wirkung sortieren.
  3. Dienstkonten mit SPN und altem Passwort auf gMSA umstellen oder mit einem sehr langen Passwort neu setzen.
  4. Verschlüsselungstypen auf AES setzen, RC4-Nutzung vier Wochen im Audit beobachten.
  5. Unbeschränkte Delegierung außerhalb der DCs abbauen.
  6. krbtgt-Rotation als wiederkehrenden Termin einplanen, zwei Durchläufe mit Abstand.
Passendes Werkzeug
ISW Kerberos Audit Analyzer
Kerberos-Prüfung ohne Skriptsammlung. Wertet Ticket-Richtlinien, Verschlüsselungstypen, Delegierungen und das krbtgt-Alter aus, bewertet die Befunde nach Schweregrad und liefert einen Bericht mit Bezug zu BSI IT-Grundschutz. Für die Auswertung der Anmeldeereignisse ergänzt der ISW Live-Ereignismonitor die Sicht über mehrere Server.

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Fazit
Das August-Update schließt CVE-2026-62766 – installieren Sie es zügig, gerade auf Systemen, auf denen viele Benutzer arbeiten. Den größeren Hebel haben Sie aber daneben: Ein Angreifer mit SYSTEM-Rechten ist genau so stark wie das, was er im Speicher und in der Domäne vorfindet. Alte Dienstkonten, RC4 und unbeschränkte Delegierung machen aus einer lokalen Rechteausweitung eine Domänenübernahme. Ohne sie bleibt es ein Zwischenfall auf einem Server.
Über den Autor: Joern Walter betreibt IT-Service Walter in Euskirchen, betreut rund 400 Kundendomänen und entwickelt die ISW-ADTools für Windows-Administration, Sicherheit und Compliance. Fachbeiträge erscheinen als „Der Windows Papst“.