Was 400 Kundendomänen über AD-Hygiene verraten

Aus der Praxis

Was 400 Kundendomänen über AD-Hygiene verraten

Nach vielen Jahren Bestandsaufnahmen in mittelständischen Umgebungen wiederholen sich die Befunde erstaunlich zuverlässig. Sieben Muster – und was sie über die eigentliche Ursache aussagen.
29. August 2026  ·  Lesezeit ca. 10 Minuten  ·  IT-Service Walter
Active DirectoryAus der PraxisAD-HygieneBerechtigungen

Wer regelmäßig fremde Domänen analysiert, hört auf, sich über einzelne Befunde zu wundern. Was zunächst wie individuelle Nachlässigkeit aussieht, ist in Wahrheit ein Satz sehr stabiler Muster – sie entstehen nicht aus Unwissen, sondern aus der Art, wie Verzeichnisdienste über Jahre wachsen: durch Hinzufügen, fast nie durch Entfernen.

Ein Active Directory verliert nichts. Alles, was einmal angelegt wurde, ist zehn Jahre später noch da – nur weiß niemand mehr, wofür.

Die sieben wiederkehrenden Muster

1. Das Konto, das seit Jahren niemand mehr benutzt – und das noch aktiv ist

Deaktivierung passiert beim Austritt zuverlässig. Das Löschen oder Archivieren passiert nicht, weil niemand die Verantwortung dafür übernehmen will. Problematisch sind aber weniger die deaktivierten Konten als die aktiven ohne Anmeldung: Projektkonten, Testkonten, Konten ehemaliger Aushilfen. Sie haben ein Passwort, oft ein altes, und niemandem fällt auf, wenn es benutzt wird.

2. „Passwort läuft nie ab“ als Dauerlösung

Ursprünglich für ein Dienstkonto gesetzt, dann für den Geschäftsführer, dann für die Buchhaltung, weil die Anrufe beim Servicedesk nervten. Der Haken selbst ist nicht das Problem – bei einem sehr langen, einmalig vergebenen Passwort ist er sogar vertretbar. Das Problem ist die Kombination mit einem acht Jahre alten Passwort aus einer Zeit vor jeder Passwortrichtlinie.

3. Dienstkonten, die alles dürfen

Der Klassiker: Ein Dienstkonto wird bei der Installation in die Domänen-Administratoren aufgenommen, weil die Anleitung des Herstellers das so vorsah oder weil die Fehlersuche schneller ging. Danach fasst es niemand mehr an. In der Auswertung fällt es auf, weil es einen SPN trägt, seit Jahren dasselbe Passwort hat – und in einer hochprivilegierten Gruppe steht.

4. Gruppen, in denen niemand mehr weiß, wozu sie gehören

Berechtigungsgruppen entstehen projektweise, die Benennung ändert sich alle paar Jahre, und irgendwann existieren drei Generationen nebeneinander. Praktisch relevant sind vor allem die verschachtelten Fälle: Die Gruppe A ist Mitglied in B, B in C, und C hat auf einem Fileserver Vollzugriff, an den bei der Erstellung von A niemand gedacht hat.

5. Zu viele Domänen-Administratoren

Eine Faustregel aus der Praxis: In einem Unternehmen mit unter 200 Mitarbeitern sind mehr als drei bis fünf Domänen-Administratoren fast immer ein Befund. Die Zahl steigt schleichend – ein externer Dienstleister hier, ein Projektkonto dort, ein zweites Konto für einen Kollegen, der es „nur kurz“ brauchte.

6. Computerkonten von Geräten, die es nicht mehr gibt

Sie sind selten gefährlich, aber sie verfälschen jede Auswertung: Wer Patchstände, Betriebssystemverteilung oder Lizenzbedarf ermittelt, rechnet mit Karteileichen. Und gelegentlich steht dahinter doch ein Gerät, das noch existiert – im Lager, im Homeoffice, oder als virtuelle Maschine, die niemand abgeschaltet hat.

7. Die Zertifikatvorlage aus einem Projekt von 2018

Sie wurde einmal für einen Test dupliziert, mit weit gefassten Registrierungsrechten versehen und nie zurückgebaut. Zusammen mit der Option, dass der Antragsteller den Antragsnamen selbst angibt, ergibt das einen der bekanntesten Eskalationspfade in Windows-Umgebungen.

Die Kennzahlen, die den Zustand beschreiben

Sie brauchen keine Vollanalyse, um den Zustand einer Domäne einzuschätzen. Sieben Zahlen genügen für eine erste Einordnung – und sie lassen sich in einem Durchlauf erheben:

PowerShell – sieben Kennzahlen zur AD-Hygiene
# ISW - AD-Hygiene: die sieben Kennzahlen in einem Durchlauf
[Console]::OutputEncoding = [System.Text.Encoding]::UTF8
Import-Module ActiveDirectory

$grenze = (Get-Date).AddDays(-90)
$alle   = Get-ADUser -Filter 'Enabled -eq $true' `
            -Properties LastLogonDate, PasswordLastSet, PasswordNeverExpires,
                        ServicePrincipalName, AdminCount, 'msDS-SupportedEncryptionTypes'

$kennzahl = [ordered]@{
  'Aktive Benutzerkonten'              = $alle.Count
  'Seit 90 Tagen keine Anmeldung'      = ($alle | Where-Object { $_.LastLogonDate -lt $grenze -or $null -eq $_.LastLogonDate }).Count
  'Passwort laeuft nie ab'             = ($alle | Where-Object PasswordNeverExpires).Count
  'Passwort aelter als 1 Jahr'         = ($alle | Where-Object { $_.PasswordLastSet -lt (Get-Date).AddDays(-365) }).Count
  'Dienstkonten mit SPN'               = ($alle | Where-Object { $_.ServicePrincipalName }).Count
  'Konten mit AdminCount = 1'          = ($alle | Where-Object { $_.AdminCount -eq 1 }).Count
  'Domaenen-Admins'                    = (Get-ADGroupMember 'Domänen-Admins' -Recursive -ErrorAction SilentlyContinue).Count
}

$kennzahl.GetEnumerator() | ForEach-Object {
    [pscustomobject]@{ Kennzahl = $_.Key; Wert = $_.Value }
} | Format-Table -AutoSize

# Verwaiste Computerkonten (seit 180 Tagen keine Anmeldung)
Get-ADComputer -Filter 'Enabled -eq $true' -Properties LastLogonDate, OperatingSystem |
  Where-Object { $_.LastLogonDate -lt (Get-Date).AddDays(-180) } |
  Select-Object Name, OperatingSystem, LastLogonDate |
  Sort-Object LastLogonDate
KennzahlUnauffälligGenauer hinsehenHandlungsbedarf
Aktive Konten ohne Anmeldung seit 90 Tagenunter 5 %5–15 %über 15 %
Konten mit „Passwort läuft nie ab“nur dokumentierte Dienstkonteneinzelne Benutzerkontenzweistellige Zahl an Benutzerkonten
Passwörter älter als ein Jahrnur Konten mit sehr langem Passworteinzelne DienstkontenDienstkonten mit SPN und altem Passwort
Domänen-Administratoren3–56–10über 10 oder unbekannte Konten
Konten mit AdminCount = 1entspricht der Zahl privilegierter Kontenleichte Abweichungdeutlich mehr als erwartet – Hinweis auf frühere Mitgliedschaften
Computerkonten ohne Anmeldung seit 180 Tagenunter 5 %5–15 %über 15 %
Zur Kennzahl AdminCount
Das Attribut wird gesetzt, wenn ein Konto Mitglied einer geschützten Gruppe war – und es bleibt gesetzt, auch nachdem die Mitgliedschaft endet. Ein Konto mit AdminCount = 1, das heute in keiner privilegierten Gruppe mehr steht, erbt weiterhin die eingeschränkte Vererbung von AdminSDHolder. Das ist kein akutes Risiko, aber ein sehr verlässlicher Hinweis auf frühere Rechtevergaben, die niemand dokumentiert hat.

Warum das Aufräumen scheitert – und was hilft

Der Grund, warum diese Befunde über Jahre bestehen bleiben, ist selten mangelndes Wissen. Es ist die Verantwortungsfrage: Niemand löscht ein Konto, wenn nicht sicher ist, ob es noch gebraucht wird, und niemand entfernt eine Gruppenmitgliedschaft, wenn die Rückfrage einen Produktionsausfall auslösen könnte. Die Lösung liegt deshalb nicht in einem einmaligen Aufräumprojekt, sondern in einem Ablauf, der die Entscheidung von der Person entkoppelt.

Was in der Praxis funktioniert
  • Ablaufdatum statt Löschung: Konten und Gruppenmitgliedschaften mit Befristung anlegen. Wer verlängern will, meldet sich – wer sich nicht meldet, hat es nicht gebraucht.
  • Eigentümer je Gruppe hinterlegen und einmal jährlich automatisiert zur Bestätigung auffordern.
  • Zwei-Stufen-Verfahren: erst deaktivieren und in eine Quarantäne-OU verschieben, nach 60 Tagen löschen. Das entschärft die Angst vor der Löschung.
  • Off-Boarding als definierten Prozess mit Checkliste statt als Zuruf – inklusive Postfach, Berechtigungen und Geräten.
  • Dienstkonten auf gMSA umstellen, wo der Hersteller es zulässt. Damit verschwindet die Passwortfrage vollständig.
  • Kennzahlen monatlich erheben und die Kurve zeigen. Ein sichtbarer Trend motiviert deutlich stärker als ein einmaliger Prüfbericht.
Passendes Werkzeug
ISW AD Optimization Reporter & ISW AD Group Lifecycle Manager
Zustand messen, Lebenszyklus regeln. Der Optimization Reporter bewertet den Domänenzustand schweregradgewichtet und liefert einen Bericht mit Bezug zu BSI IT-Grundschutz. Der AD Group Lifecycle Manager regelt Befristung, Eigentümerschaft und Wiedervorlage von Gruppenmitgliedschaften – damit das Aufräumen nicht jedes Jahr von vorn beginnt.

Zum Produkt auf isw-adtools.de

Fazit
Die Befunde sind in fast jeder gewachsenen Domäne dieselben, und das ist eine gute Nachricht: Was sich wiederholt, lässt sich systematisch angehen. Beginnen Sie mit den sieben Kennzahlen, nehmen Sie sich den Befund mit der größten Wirkung vor – meist die Dienstkonten in privilegierten Gruppen – und ersetzen Sie das jährliche Aufräumprojekt durch einen Ablauf mit Befristung und Eigentümerschaft. Der Unterschied zwischen einer sauberen und einer gewachsenen Domäne ist selten technisches Können. Es ist die Frage, ob jemand für das Entfernen zuständig ist.
Über den Autor: Joern Walter betreibt IT-Service Walter in Euskirchen, betreut rund 400 Kundendomänen und entwickelt die ISW-ADTools für Windows-Administration, Sicherheit und Compliance. Fachbeiträge erscheinen als „Der Windows Papst“.